Wie ein Verliebter wirbt Gott um uns

Gedanken von Erzbischof Werner Thissen, Hamburg

Komm, Heiliger Geist - Pfingstbatik von Margarete EhlertWer kann sich einen Menschen vorstellen, der niemals in seinem Leben verliebt ist? Ich nicht! Zum Menschen gehört es, sich nicht zu verkriechen, sondern über sich hinaus zu kommen. Zum Menschen gehört es, verliebt zu sein. Verliebt zu sein in eine Person oder auch in eine Aufgabe oder Beschäftigung. Jeder Mensch kennt das aus eigener Erfahrung.

Ja und dann? Ist dann meine Sehnsucht gestillt? Höchstens für einige Zeit. Auf Dauer ist meine Sehnsucht immer größer als alles, was ich erlebe. Jeder Mensch hat einen gewaltigen Überschuss an Sehnsucht. Zu stillen ist diese Sehnsucht allein durch Gott.

Gottes Entgegenkommen in Geschichte und Gegenwart

Aber wo bist du, Gott? Wann kann ich dich treffen, Gott? So kann nur jemand fragen, der gebunden ist an Raum und Zeit wie wir Menschen. Wir existieren ja immer an einem konkreten Ort, immer zu einer bestimmten Stunde. Aber Gott ist nicht gebunden an Raum und Zeit. Nun hat Gott sich aber auf unsere Existenzbedingungen eingelassen. Er ist uns in Raum und Zeit entgegengekommen. Dieses Entgegenkommen Gottes hat Namen und Gesicht: Jesus Christus.

Aber das ist lange her, könnte man einwenden. Von Jesus Christus trennen uns zwei Jahrtausende. Wirklich? Als er in seiner Auferstehung und Himmelfahrt Raum und Zeit hinter sich lässt, da macht er sich nicht einfach aus dem Staub.

"Ich bin bei euch", hat er versprochen. Nicht so ist er bei uns, wie wir Menschen beisammen sind, immer gebunden an einen bestimmten Ort und an eine bestimmte Zeit. Nicht so, dass Fernsehkameras und Mikrofone ihn aufnehmen können. Aber aufnehmen kann ihn ein Herz voll Sehnsucht und Bereitschaft. Dann ist ER bei uns, heute, immer wieder heute.

Gott ist nicht von gestern, nicht von früher, nicht von vor zweitausend Jahren. Gott ist von heute. Dieses Heute Gottes meinen wir, wenn wir sagen: Heiliger Geist. Dass Gott von heute ist, gehört zum Geheimnis des Pfingstfestes.

Gottes Entgegenkommen in Bildern und wirksamen Zeichen

Aber wir sind doch Menschen mit Augen und Ohren, mit Gedanken und Gefühlen. Wir brauchen eine konkrete Vorstellung von Gott.

Ja, könnte Gott sagen, deshalb gibt es Bilder für den Heiligen Geist. Feuerzungen, wärmend und erhellend. Sturmwind, der Menschen in Bewegung bringt. Verschiedene Sprachen, so dass die Rede von Gott für niemanden Fremdsprache sein muss, sondern jedes Herz erreichen kann.
Und es gibt die Zeichen der Sakramente. Wasser der Taufe, reinigend und belebend. Duftendes Öl, weil der Mensch in den Augen Gottes kostbar ist und gestärkt wird in der Firmung. Brot, das den Lebenshunger stillt in der Eucharistie. Und das Entscheidende an diesen Zeichen ist: Sie bewirken, was sie zum Ausdruck bringen, wenn sie gläubig angenommen werden.

Was soll ich denn noch mehr tun, könnte Gott sogar sagen, damit du, Mensch, dich mir zuwendest? Soll ich Sensationen hervorzaubern, um dich zu mir zu zwingen, Mensch? Soll ich deine Freiheit aufheben, die dich auszeichnet vor allen anderen Geschöpfen? Deine Freiheit, Mensch, ist mir so wichtig, dass ich sogar deine Umwege und Irrwege in Kauf nehme. Aber ich werbe um dich, Mensch. Wie ein Verliebter werbe ich um dich, dass du in Freiheit mit mir lebst.

Meine Antwort auf Gottes Entgegenkommen

Wie kann ich mit Gott leben? Drei Worte gibt es, die lassen jeden Menschen aufblühen. Sie heißen: Ich liebe dich. Drei andere Worte gibt es, die lassen Gott in mir aufblühen. Sie heißen: Komm, Heiliger Geist.

Komm, Heiliger Geist – das sind besonders kostbare Gebetsworte, weil sie genau das erbitten, was Gott mir geben will. Gott will doch zu mir kommen und wartet ja nur darauf, dass ich bereit bin für ihn.
Komm, Heiliger Geist – aber mit meinen Gedanken bin ich schon wieder bei meinen Sorgen, meinen Plänen, bei meinen Wünschen. Aber das macht nichts. Denn Gott will ja auch in meine Sorgen, meine Pläne, meine Wünsche hineinkommen. Also, komm, Heiliger Geist, auch wenn ich in solchem Rufen immer noch ziemlich bei mir bin und noch wenig bei dir.
Heiliger Geist, du Gott von heute: Es gibt so viele Konflikte in unserer Welt, so viel Terror und Hass und Leid. Komm, Heiliger Geist, wir brauchen dich!
Und es gibt so viel Schönes in unserer Welt, so viel Lebendiges und Beglückendes. Aber unsere Sehnsucht reicht noch viel weiter. Nur du kannst sie stillen, Gott!
Aber es gibt auch die Trennung der Christen. Das ist ein Skandal. Das ist gegen den Willen Jesu. Komm, Heiliger Geist, damit wir Christen zur vollen Einheit finden.
Komm, Heiliger Geist, wir sind bereit, sind offen für dich, wir wollen mit dir leben, heute, immer wieder heute. Amen

Erzbischof Werner Thissen, Hamburg
(Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Erzbischofs)

 

 


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