Wie ein Verliebter wirbt Gott um unsGedanken von Erzbischof Werner Thissen, Hamburg
Ja und dann? Ist dann meine Sehnsucht gestillt? Höchstens für einige Zeit. Auf Dauer ist meine Sehnsucht immer größer als alles, was ich erlebe. Jeder Mensch hat einen gewaltigen Überschuss an Sehnsucht. Zu stillen ist diese Sehnsucht allein durch Gott.
Aber wo bist du, Gott? Wann kann ich dich treffen, Gott? So kann nur jemand fragen, der gebunden ist an Raum und Zeit wie wir Menschen. Wir existieren ja immer an einem konkreten Ort, immer zu einer bestimmten Stunde. Aber Gott ist nicht gebunden an Raum und Zeit. Nun hat Gott sich aber auf unsere Existenzbedingungen eingelassen. Er ist uns in Raum und Zeit entgegengekommen. Dieses Entgegenkommen Gottes hat Namen und Gesicht: Jesus Christus. Aber das ist lange her, könnte man einwenden. Von Jesus Christus trennen uns zwei Jahrtausende. Wirklich? Als er in seiner Auferstehung und Himmelfahrt Raum und Zeit hinter sich lässt, da macht er sich nicht einfach aus dem Staub. "Ich bin bei euch", hat er versprochen. Nicht so ist er bei uns, wie wir Menschen beisammen sind, immer gebunden an einen bestimmten Ort und an eine bestimmte Zeit. Nicht so, dass Fernsehkameras und Mikrofone ihn aufnehmen können. Aber aufnehmen kann ihn ein Herz voll Sehnsucht und Bereitschaft. Dann ist ER bei uns, heute, immer wieder heute. Gott ist nicht von gestern, nicht von früher, nicht von vor zweitausend Jahren. Gott ist von heute. Dieses Heute Gottes meinen wir, wenn wir sagen: Heiliger Geist. Dass Gott von heute ist, gehört zum Geheimnis des Pfingstfestes.
Aber wir sind doch Menschen mit Augen und Ohren, mit Gedanken und Gefühlen. Wir brauchen eine konkrete Vorstellung von Gott. Ja, könnte Gott sagen, deshalb gibt es Bilder für den
Heiligen Geist. Feuerzungen, wärmend und erhellend. Sturmwind, der Menschen in
Bewegung bringt. Verschiedene Sprachen, so dass die Rede von Gott für niemanden
Fremdsprache sein muss, sondern jedes Herz erreichen kann. Was soll ich denn noch mehr tun, könnte Gott sogar sagen, damit du, Mensch, dich mir zuwendest? Soll ich Sensationen hervorzaubern, um dich zu mir zu zwingen, Mensch? Soll ich deine Freiheit aufheben, die dich auszeichnet vor allen anderen Geschöpfen? Deine Freiheit, Mensch, ist mir so wichtig, dass ich sogar deine Umwege und Irrwege in Kauf nehme. Aber ich werbe um dich, Mensch. Wie ein Verliebter werbe ich um dich, dass du in Freiheit mit mir lebst.
Wie kann ich mit Gott leben? Drei Worte gibt es, die lassen jeden Menschen aufblühen. Sie heißen: Ich liebe dich. Drei andere Worte gibt es, die lassen Gott in mir aufblühen. Sie heißen: Komm, Heiliger Geist. Komm, Heiliger Geist – das sind besonders kostbare
Gebetsworte, weil sie genau das erbitten, was Gott mir geben will. Gott will
doch zu mir kommen und wartet ja nur darauf, dass ich bereit bin für ihn. Erzbischof Werner
Thissen, Hamburg |
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