'PFINGSTEN' - Batik von Margarete Ehlert -Ausschnitt- Verweis zur Übersichtsseite PfingstenPfingsten und Turmbau zu Babel - Einheit statt Uniformismus

2. Abschnitt aus "Universalität und Katholizität" von Joseph Cardinal Ratzinger

Es ist unverkennbar, daß der Pfingstbericht ein Gegenbild zu der Geschichte vom babylonischen Turmbau hinstellt (Gen 11,1-9). Dort endet die Urgeschichte der Menschheit damit, daß deren Einheit zerbricht, genauer gesagt: Gott selbst zerschlägt eine falsche Einheit der Menschheit. So endet die in den ersten elf Kapiteln der Genesis erzählte erste Phase der Universalgeschichte der Menschheit, wie Gerhard von Rad sagt, mit einer "schrillen Dissonanz". Die Bibel setzt danach neu an - sie erzählt nicht mehr von der Menschheit im ganzen, sondern beginnt mit der Erwählungsgeschichte Abrahams eine zunächst partikulär und nicht mehr universal erscheinende Geschichte der Erwählung und des Heils. Die Dissonanz von Gen 11 bleibt so zunächst eine offene Frage, auch wenn in der von Abraham ausgehenden Erwählungsgeschichte immer wieder der Horizont der Universalität durchbricht - aber eben als Horizont, als Erwartung, nicht als Antwort.
Der Leser der biblischen Geschichte muß im Grund auf die Pfingsterzählung der Apostelgeschichte warten; hier erst wird die offene Frage von Babylon aufgenommen, hier erst kehrt die Bibel zur Universalgeschichte zurück. Gott nimmt das Ganze neu in die Hände, und alles "Partikuläre" erweist sich als ein Weg dahin.

Das bedeutet natürlich auch, daß die an Pfingsten geschenkte Einheit und Universalität anderer Natur ist als die in Babylon gescheiterte. Will man den Tiefgang der Pfingsterzählung recht begreifen, dann muß man gerade den Unterschied der zweierlei Weisen von Universalität ausmessen. Die Einheit von Babylon ist Uniformismus. Die Menschen sind dort nur ein Volk und haben nur eine Sprache. Die vom Schöpfer gewollte Vielfalt ist in einer falschen Form von Einheit unterdrückt. Es ist eine Einheit, die auf Macht, auf Selbstbehauptung und auf "Ruhm" ausgerichtet ist. Die Menschen bauen selbst den Weg zum Himmel. Sie schaffen sich im Ruhm ihre eigene Unsterblichkeit. Sie brauchen Gott nicht, sondern genügen sich selbst in ihrer Macht und ihrem Können. Der solcherweise groß gewordene Mensch ist in Wahrheit ein amputierter Mensch: Seine eigentliche Größe, die Offenheit auf Gott hin, das Leben in Beziehung wird ausgelöscht. Es ist eine technizistische Einheit. Sehen wir, wie gegenwärtig Babylon ist? Die bloß technisch denkende und lebende Welt uniformiert, sie schafft eine Einheitssprache, eine Einheitskultur: Alle denken gleich, reden gleich, kleiden sich gleich, verhalten sich gleich. Aber gerade dieser Uniformismus ruft Rebellion hervor, die sich im Terrorismus äußern kann, in vielfältigen Weisen des Aufstehens gegen eine Existenz, die scheinbar alles gibt und doch alles vorenthält, den Menschen auf Macht und Lust fixiert und gerade so ohnmächtig und traurig macht. 

Die pfingstliche Einheit ist ganz anderer Natur: Alle hören ihre Sprache. Sie vereinigt in der Vielfalt. Ihre Einheit liegt nicht in der Einheit des Machens und des äußeren Könnens, sondern in einer Berührung von innen her, die die Vielfalt nicht auslöscht, sondern im gegenseitigen Geben und Nehmen alle bereichert. Denn nun gehört allen alles, und eben darum muß die Gabe aller, ihr je Eigenes zur Geltung kommen, mit dem der Schöpfer sie beschenkt hat.
Etwas von der Weise, wie sich der Weg dieser pfingstlichen Einheit öffnet, wird an der Stelle erkennbar, an der Lukas die Reaktion der Hörer auf die Rede des heiligen Petrus schildert: "Als sie das hörten, traf es sie mitten ins Herz", sagt die Apostelgeschichte. Der griechische Text verwendet für diese Berührung des Herzens das Wort katanyssomai, das soviel bedeutet wie durchstochen werden, durchbohrt werden: Ihr Herz wird aufgerissen. Und so werden sie offen für den Herrn, der sie zugleich zueinander öffnet. Auf diese Weise bildet sich vom Pfingstgeschehen her das neue Volk, das nun nicht einen Turm baut, um selbst zum Himmel hinaufzureichen und sich im Ruhm seine eigene Ewigkeit zu schaffen. Das pfingstliche Volk ist gerade durch die Offenheit des Seins in Beziehung gekennzeichnet. Von ihm gilt: "Jeder, der den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden" (2,21). Dem Anrufen von seiten der Menschen entspricht das Herbeigerufenwerden von seiten Gottes, das sofort den Horizont ins Weite der Welt und der Zukunft eröffnet: "Euch gilt diese Verheißung und euren Kindern und allen, die der Herr, unser Gott, von weit her herbeirufen wird" (2,39).

Der unifomistischen Universalität von Babylon tritt die vielgestaltige neue Einheit gegenüber, die wir "Katholizität" nennen. Hier ist etwas Merkwürdiges zu beobachten. Wir stehen heute unter dem Druck der technischen Uniformierung der Welt - das babylonische Modell wird mit einer Konsequenz realisiert, die in der biblischen Vision nur von ferne her gesehen werden konnte. Dementsprechend sind auch die Bewegungen des Zerreißens, des Aufstehens gegeneinander, der Verwirrung und der Zerstreuung allenthalben beunruhigend gegenwärtig. Man spricht vom Zusammenprall der Kulturen als einem unvermeidlichen Ereignis, das die Menschheit zerstören könnte. Aber gleichzeitig wird das biblische Modell einer Einheit, die die Kulturen nicht auflöst, sondern miteinander zum Verstehen bringt, als Vergewaltigung der Kulturen denunziert; die Mission, in der das Pfingstereignis - die Predigt Petri und der anderen Apostel - weitergehen soll, wird als Dominanz einer einzigen Kultur angeklagt, gerade so, als ob es eine innere Einheit der Kulturen ohne deren Zerstörung nicht geben könnte und dürfte.
Demgegenüber muß die vom pfingstlichen Modell her genährte christliche Mission als die einzig wahre Alternative zum "Kampf der Kulturen" mit allem Nachdruck verteidigt und neu zum Leben gebracht werden: Die "Katholizität", wie der Pfingstbericht sie beschreibt und später die Väter sie ausdeuten, ist die wahre und einzig zureichende Form von Universalität. Sie ist Einheit vom Herzen her, von dem Herzen, das Gott geöffnet hat und das auf ihn hin offen ist; Einheit, in der der ganze Reichtum der Menschheit Platz hat und in der das Eigene nicht mehr gegen das Fremde steht, weil alles Gottes ist und gerade so uns allen erst recht zugehört. Das neue Volk bildet in seiner Katholizität mit ihrer quantitativen und extensiven Bedeutung das Haus mit den vielen Wohnungen ab (Joh 14,2), von dem der Herr als Verheißung der künftigen Welt spricht. Es ist nicht Turm der Selbstbehauptung, sondern Heimat und Bleibe der vielen.
Diese Katholizität ist der Kirche als Gabe vom Herrn her gegeben und bildet eines der Kennzeichen, an denen wir sie erkennen können. Aber sie bleibt doch immer Aufgabe, auf die hin wir uns ausstrecken und so Auftrag, den wir nie ganz einholen. In dieser Spannung zwischen Gabe und Auftrag lebt die Kirche, leben wir alle. Sie ist immer wieder das Maß, an dem wir uns messen lassen müssen - das Maß, das uns im Gericht vorgelegt werden wird.

aus:  Joseph Cardinal Ratzinger, "Unterwegs zu Jesus Christus“. Erschienen im Sankt Ulrich Verlag, Augsburg 2003“. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlages; zitiert nach der2.unveränderten Auflage 2004 - S.136 - 143

 

 

 

 


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