Festredner Dr. Gestrich Festrede
zur Einweihung der "Cusanus- Säulen"
im Pfarrgarten Altrich
am 1. September 2002

Festredner: Dr. Helmut Gestrich, Vorsitzender der Cusanus-Gesellschaft
die CUSANUS - Säulen im Altricher Pfarrgarten

Lieber Herr Merrem, lieber Herr Benz, lieber Herr Diakon, meine Damen und Herren, liebe Altricher Bürgerinnen und Bürger,

ich bin angekündigt worden als Fachmann, als Profi, nun aber, es ist halb so wild, ich bin Amateur; d.h. einer, der Cusanus gerne hat und der sein Leben mit großer Hochachtung betrachtet. Und so habe ich das für eine sehr sehr gute Sache gehalten, dass die Gemeinde Altrich heute diese Feierstunde veranstaltet, dass die Säulen der alten Pfarrkirche, die in einer sehr engen Beziehung zu Nikolaus von Kues stehen, dass diese Säulen hier heute der Öffentlichkeit übergeben werden und die Weihe nochmal empfangen werden, denn sie waren ja schon mal geweiht.
Ich möchte, damit ich es nicht vergesse, ganz am Anfang der Familie Merrem ein herzliches Wort des Dankes sagen, dass sie diese Idee hatte, sozusagen die Geschichte des Kirchhofs, die ja mit ihrem Gut verbunden ist, derartig heraus bringt, dass jeder etwas davon hat und wir alle eine neue Cusanus - Stätte bewundern können. Herzlichen Dank!
Herr Benz hat es eben erwähnt: Wir haben im vergangenen Jahr den 600sten Geburtstag von Nikolaus von Kues gefeiert. Der Vater des Nikolaus von Kues war ein reicher Kaufmann, er hatte sicherlich auch Weinberge, aber im wesentlichen war er Schiffseigner. Und bitte machen Sie die Augen einmal zu und denken sich 500 bis 600 Jahre zurück, da war natürlich die Mosel ein ganz wichtiger Handelsweg und Sie können sich denken, dass hier der Wein über diesen wichtigen Handelsweg vermarktet worden ist. Also, langer Rede kurzer Sinn, ein sehr reicher Mann, eine sehr reiche Familie.
Ich sage das deshalb, weil die Gegner des Nikolaus von Kues - und er hatte sehr viele - ihn immer als Sohn eines armen Fischers bezeichnet haben. Das stimmt nicht. Er war Sohn eines reichen Kaufmanns. Und trotzdem war sein Weg, sein Lebensweg bis hin zum Kardinal der römischen Kirche, eine Sensation in dieser Zeit, weil solche Positionen eigentlich nur den Adelsfamilien zur Verfügung gestanden haben. Das heißt also, dieser Junge aus Kues hat eine unglaublich steile Karriere gemacht bis hin zu einem Spitzenpolitiker in der Kirche, im Reich, zu einem gefragten Mann, zu einem der größten Denker des Mittelalters, des 15.Jahrhunderts.

Altrich spielt eine bedeutende Rolle auf diesem Lebensweg, auch das hat Herr Benz eben angedeutet. Wir hatten ja keine Kirche im heutigen Sinne mit gesichertem Einkommen der Pfarrer und der Pfarreien, sondern alles bezog sich auf die Sachleistungen, das heißt, auf das, was die Pfarreien hergaben. Insofern war es sehr aufschlussreich, dass ein Gut zu der Kirche gehörte, und von irgendetwas musste der Pfarrer ja leben, die Armensorge und die Altensorge ja bezahlt werden.
Wir können uns also richtig vorstellen, wie das war, als Nikolaus von Kues - er ist sicherlich von Kues nach Wittlich zu Fuss gegangen, er war ja ansonsten nicht sehr reich und konnte sich noch kein Pferd leisten - an jenem 31. Januar 1425 in Wittlich, wo er von Otto von Ziegenhain, dem damaligen Bischof von Trier diese "Gratia", diese Gunst bekam. Eine Gunsterweisung die man ruhig als eine Bafög-Leistung der damaligen Zeit übersetzen kann, denn er hat sie zum Studium gebraucht. Das heißt, man hat ihn in Stand gesetzt, nach Köln zu gehen. Er war ja schon Jurist, er hat in Padua die Rechte studiert, er war Doktor des Kirchenrechts und Doktor des allgemeinen Rechts, das hat man damals nicht so unterschieden. Und nun trat er in die Dienste des Trierer Erzbischofs ein. Das sagte die Dotation, sie war eine Belohnung dafür, dass er in dessen Dienste eingetreten ist, und an jenem Mittwoch, dem 31. Januar 1425, da erhielt er diese Dotation und er war so erfreut, dass er in einem astronomischen Lehrbuch, das heute noch in der Bibliothek des Sankt Nikolaus Hospitals in Kues aufbewahrt wird, einen Vermerk mit folgendem Inhalt hineinschrieb:

Ich habe diese Gabe erhalten, das war nicht nur die Kirche in Altrich, sondern es waren 40 Goldgulden im Jahr, es waren 4 Malter Weizen, er mußte sich ja von irgendetwas ernähren. Sie sehen, immer wieder diese Entlohnung in Sachleistungen, und es war - bitte lachen Sie jetzt nicht - unum plaustrum vinum, schrieb er. Ein Fuder Wein hat er jährlich erhalten vom Bischof. Ja, er mußte Gastgeber spielen und zum Gastgeber Spielen gehörte der Wein. Und dann kommt diese neckische Sache, dass er am Ende dieser Notiz schrieb: Und am nächsten Tag, das heißt also am 1. Februar, da sah ich ein Kamel in Kues. Ob er das Kamel auf sich bezog, weil er in den Dienst des Bischofs eingetreten war, oder ob es ein Kamel eines Wanderzirkus war oder mit der nahen Fastnacht zu tun hatte, wir wissen es nicht genau, das muss noch erforscht werden.

Nun, ich sagte es, es war eine wichtige Station im Leben des Nikolaus von Kues, denn kurz danach, Ostern 1425, ging er - nehmen Sie das "ging" sehr wörtlich - ging er nach Köln, und hat in Köln sein Philosophie- und Theologiestudium angefangen. In Köln wurde er dadurch auch bekannt, dass er durch den Domprost, einen Angehörigen einer befreundeten Familie, nämlich derer von Manderscheid, den Schlüssel zur Dombibliothek erhielt und dort viele wichtige Handschriften entdeckte, Handschriften nicht nur juristischer Art, die er für seine Gutachten brauchte, sondern auch literarische Kostbarkeiten, die bis dahin verschollen waren.

...

Das war ein Überblick über das Leben des Nikolaus von Kues in der Zeit um 1425, als er die Altricher Kirche als Pfründe erhielt, und Sie ahnen vielleicht, was es mit diesen Säulen auf sich hat: Diese Säulen, die die Pfarrkirche trugen, die Nikolaus von Kues als Pfründe am 31. Januar 1425 zugewiesen worden ist. Gehen Sie daran vorbei, denken Sie immer an diesen großen Mann und besuchen Sie auch einmal Kues, lassen Sie sich eine Führung in seiner weltberühmten Bibliothek vermitteln. Sie sehen, die großen Dinge liegen sehr nahe, man braucht keine Weltreise zu machen, um weltberühmte Dinge sich anschauen zu können.

Ich wünsche ein schönes Pfarrfest, alles alles Gute und eine gute Entwicklung: Herr Merrem hat es angedeutet, wenn's Bäumchen hundert Jahre alt ist, sehen wir uns wieder.