Cas 17—02—5300 Quito ECUADOR SUDAMERICA Juni - Oktober 2001

Liebe Verwandte und Freunde,
euch allen aus Caupichu einen herzlichen Gruss und so nach und nach einige Eindrücke für den Weihnachtsplauderbrief...

24.6. Gestern abend war Johannisnacht mit Sonnwendfeuern, und heute früh grüsst mich durchs Fenster der blendend weisse Schneegipfel des Cotopaxi (6000m). Solange der Nachbar gegenüber kein zweites Stockwerk auf sein flaches Häuschen setzt, ist diese Schönheit bequem zu haben.

26.6. Padre Yosua, ein junger Steyler aus Indonesien, führt mich in die Pfarrei ein, die aus 24 Siedlungen besteht, jede mit klangvollem Namen: Jasminblüten, Meine Sehnsucht, Wir werden siegen!, Muskeln und Gleise usw — und überall geht es voran! Wo in Zukunft einmal Strassen sein sollen, werden in diesen Wochen Lichtpfosten gesetzt, schwere Bagger legen die Röhren für das Trink— und Abwassernetz. Das Dröhnen und Wummern wird uns noch lange begleiten. Bis dahin dienen, wie gewohnt, Wege und Wiesen als Toilette für Mensch und Tier. "Vorsicht! Kuh-Schhhh-on reingetreten..."

2.7. Ich muss mich in Caupichu an neue Wirklichkeiten gewöhnen: fast alle Bewohner sind im "besten Alter", erst vor 4, 5 Jahren hierher gezogen. Junge Familien, anspruchslos, arbeitsam, gesund. Der eine oder andere hat zwar seine greise Mutter mitgebracht, doch meine geliebten Seniorenklubs muss ich hier wohl vergessen, selbst zum Herz-Jesu-Freitag gibt es kaum Alte und Kranke. Wer küsst mich nun?? mit nassen Augen und feuchten Lippen??

15.7. Mit Juli geht das Schuljahr hier zu Ende, also vorher Erstkommunion und Firmung. Es rührt mich jedes Mal ans Herz, zu sehen wie die Leute zu solchen Gelegenheiten sich fein zu machen bemühen - der rührende Stolz der Armen, wie bei uns in den bösen Jahren nach dem verlorenen Krieg... Aber denkt nur: bis heute ist noch nicht ein Bettler an meine Tür gekommen! Und auch die Schnapsleichen sieht man hier nicht!

26.7. Jeden Morgen punkt sechs wird es hell und da wecken uns auch schon die hellen Rufe der Jungen vorm Haus: "Padre, kaufen Sie Eier?" Mein Mitbruder verliert die Geduld: "Erst ab sieben könnt ihr kommen, keine Minute früher, sonst kauf ich kein einziges Ei mehr von euch!" Heute früh, zehn nach sechs, laut und hell: "Padreee, wie spät ist es? Ist es schon sieben Uhr??"

6.8. Der Tungurawa speit Feuer und mehr noch Asche, sehr schlimm für die betroffene Bevölkerung. In Caupichu gibt es im August nur Sonne, Wind, und Sand! ab Oktober dann Regen, Schlamm und Schmutz. Ein Zahnarzt hatte wohl bemerkt, dass ich mich in seinem Sprechzimmer etwas kritisch umschaute, und er meinte: "Padre, wenn ich hier alles so blitzblank hätte wie in Alemania, dann verlöre ich meine Patienten. Die kommen nur, wenn sie sich hier wie zu Hause fühlen können." Aha, das muss ich mir gut merken für mein Pfarrbüro!!

10.8. Mein Mitbruder hat Landsleute zu Besuch, also indonesisches Festessen:
Hundebraten! Das ist ein Schmausen! Natürlich halte ich mit! "Weisst du, warum ich Mangga heisse? Unsere Familie Gin und die Nachbarfamilie Sayang waren verhext: dauernd war eine Seuche im Haus, der Reihe nach wurden alle krank, das war schon immer so. Da blickten die alten Weisen des Dorfes einmal in die Vergangenheit, weit zurück, als wir noch keine Christen waren. Und sie sahen wie Männer unserer Gin-Familie den achtjährigen Mangga der Sayang-Familie auf eine hohe Kokospalme lockten und von dort hinab in den Tod stiessen. Dann kochten und verspeisten sie ihn. Die Lösung: der nächste Bub in unserer Familie musste auf den Namen Mangga getauft werden, und der war ich. Und als ich acht Jahre alt wurde, übergab meine Familie mich der Sayang—Familie — das war schön: sie wuschen und badeten mich und steckten mich in ganz neue feine Kleider. Dann brachten sie mich in feierlicher Prozession meiner Familie zurück, und es gab ein grosses Versöhnungsfest" "Mit Hundebraten?" - "Selbstverständlich!" — "Und seitdem?" — "Und seitdem, wie verhext, wird einfach keiner von uns mehr krank..."

13.8. Heute habe ich einen 38—jährigen Maurer beerdigt, vom Gerüst gestürzt, tot. Einer der vielen Tagelöhner, mal Arbeit, mal keine. Versicherung?? Kennt. man hier nicht. Seine Frau mit vier kleinen Kindern bleibt im halbfertigen Häuschen zurück. Und wenn ihre Geschwister sich nicht ganz stark für sie einsetzen, nehmen seine Geschwister ihr das auch noch weg... Das Evangelium wusste warum es den Christen zur Pflicht machte, Witwen und Waisen beizustehn.

15.8. Mariä Hinmelfahrt. Das war wieder so ein Fest "wie der Herrgott es haben will", Volksbelustigung, Hochamt, Prozession — alles auf der grünen Wiese wo in Zukunft. einmal die Kirche stehn soll. Für die wurde auch gesammelt: 132 Dollar. Immerhin. Und der "Mama Jungfrau vom Schwan" ist es auch zu verdanken dass niemand ernsthaft zu Schaden kam, als ein ganzer Stapel Böller Feuer fing und sie in alle Richtungen davonschossen.

19.8. Der Sohn des Diakons "muss heiraten". Am Abend eines Festes hat er seine Freundin heimlich mitgeholt nach Hause und nun war‘s geschehn. Jetzt müssen seine Eltern in aller Demut zu ihren Eltern gehn, werden beim ersten Besuch mit Prügeln abgewiesen und beim zweiten mit Beschimpfungen (recht laut, damit die lauernden Nachbarn auch ja alles mithören) erst am dritten Abend werden sie widerwillig eingelassen, und bei Kaffee und Bier (steht ja alles längst bereit!) wird die Hochzeit ausgehandelt. So muss das sein. "Aber Nicomedes, wie kannst du deinem Sohn so etwas durchgehn lassen!? - du als katholischer Diakon!!" - "Was soll ich ihm denn sagen? Ich habs ja damals genau so gemacht..."

26.8. "Padre, ich und meine Frau möchten eine Dankmesse bestellen, unsere Tochter wird 15 und lebt und ist gesund. Dabei hatte ich damals schon das Grab für sie ausheben lassen, als ich sie endlich, halbtot, wiederbekam. Sie war uns nämlich gleich nach der Geburt gestohlen worden, von einer Nachbarin. Und denken Sie, ich musste einen Prozess führen und beweisen dass es unsere Tochter war! Unser Häuschen in Latacunga, der Acker, die Ohrringe meiner Frau — alles ging drauf für Ärzte und Richter und Reisen. In Peru haben wir das arme Würmchen schliesslich gefunden, wie gesagt: halbtot, so mager war es. Aber unsere Oma hat diesen kleinen Körper an ihrem eigenen Leib immer wieder auf und ab gestrichen: Nein, du wirst nicht sterben, so klein, so jung. Ich bin alt, ich kann sterben, ich gebe dir mein Leben! - Padre, noch in derselben Woche haben wir die Oma in das Grab gelegt das ich für unsere Tochter bestimmt hatte! Und hier, schauen Sie, das ist jetzt unsere Maria Etelvina!" — ein frisches lebhaftes Mädchen, der Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten, lächelt mich an. Eine glückliche Familie dankt Gott.

2.9. Zur Trauung gestern abend kam der Mann mit dem linken Arm in der Binde. Auf dem Heimweg vom Brautkurs sticht ein dunkler Bursche ihm, einfach so im Vorbeirennen, mit blankem Messer tief ins Fleisch, und weg ist er! Verlangt kein Geld, keine Jacke, keine Hose, - nur so "aus Jux". Drogen...

"Brautkurs". In derselben Messe wurden auch ihre drei Kinder getauft, 6,8,12 Jahre alt. Mutter Oberin Berenice nimmt in ihre Privatschule nur Kinder kirchlich getrauter Eltern auf "damit diese so stets das Beispiel einer glücklichen Ehe vor Augen haben". (Vorstellungen haben wir Klosterleute manchmal!!..) Frau Hortensia, die kinderlose Küsterin, gibt den Ehevorbereitungskurs (für 2 Dollar). "Ja, das tu ich schon seit über 20 Jahren!" - "Aber die sind doch schon 15 Jahre treu zusammen! Was wollen Sie da noch vorbereiten?!" — "Oh, ich ertrage meinen Mann schon mehr als 30 Jahre, da kann ich denen noch viel beibringen! Ausserdem ist der Kurs ja von der Kirche vorgeschrieben!" Da sag mal einer was...

5.9. Von Cuenca kommt eine Gesandtschaft und fragt ob sie zu Weihnachten wieder mit einer Beihilfe zur Altenbescherung rechnen dürfen, "das war im vergangenen Jahr ja soo schön. Die Leute reden jetzt noch davon!" Doch, sie dürfen damit rechnen! - Jetzt schon an Weihnachten denken?? Da schreibt doch jemand, dass bei euch der Aldi längst Spekulatius und Christstollen anbietet!!... (Zu Silvester dann wahrscheinlich bunte Ostereier. Das nenn ich abtodäit.)

3.9. Heute ist Mariä Geburt, der rechte Tag, dass die Muttergottes sich bemerkbar macht:
"Padre, im Traum ist sie mir erschienen, sie war eine ganz alte Frau, aber es war die Muttergottes! Sie hat mir drei Mal ganz genau wiederholt wo meine gestohlene Kuh zu finden ist. Ich nichts wie hin, gleich heute früh. Man wollte sie gerade auf ein Auto verladen, meine einzige sanfte Kuh von der ich doch lebe! Padre, hier bringe ich Ihnen zwei Liter Milch, eine Messe zu Ehren der allerheiligsten Jungfrau, bitte!"

Später eine ärmlich gekleidete Frau: "Padre, ich brauch heute den Pfarrsaal für einen Tanzabend. Mein Mann ist gestorben." — "Tanzabend??" - "Ja, ich muss Geld machen. Er liegt in der Klinik im Gefrierkeller und sie geben ihn nicht heraus, bis ich die Rechnung bezahlt habe, 186 Dollar, hab ich doch nicht, in tiefster Armut hat er mich mit unsern drei Kleinen sitzen lassen, damals; aber als er krank wurde, da wollte die andere nichts mehr von ihm wissen, weg war sie. Hab ich ihn gepflegt, wer sonst, ist doch mein Mann." - Ich kann ihr Gesicht nicht vergessen, kein Jammern, keine Träne, tapfer! - das Gesicht so mancher, mancher Frau, überall in dieser Welt...

10.9. Gestern eine liebe Überraschung: Besuch von Jann Neumann, Bürgermeistersohn aus Platten! Er war zu einem Spanisch-Schnellkurs in Ecuador, und er hat nicht nur Grüsse und Neuigkeiten mitgebracht — sogar Socken! die berühmten handgestrickten Plattener Wollsocken die doppelt wärmen: aus Wolle - mit Liebe! Das war ein ganz besonders froher Tag für mich. Wir sind verblieben, dass ich nun im kommenden Jahr diesen Besuch erwidern muss. Und wie gern ich das tu!!

11.9. Auch hier sah man heute auf dem Bildschirm die New Yorker Türme wie Kartenhäuser in sich zusammen sinken, auch hier haben wir um Frieden gebetet. Man spürt überall, wie die Menschen den Menschen leid tun, — für die Politik der USA gibt es hier allerdings nur wenig Sympathie... Der Krieg in Kolumbien (Plan Colombia), von USA gefördert und bezahlt, greift im Norden immer wieder nach Ecuador über und bringt Vertreibung, Elend, Unsicherheit... Nun die Angst vor blinder Rache - wen trifft sie am Ende?

17.9. Auch begann heute das neue Schuljahr, vorüber sind die Ferienkolonien der Pfarrei. Erstaunlich viele Jugendliche finden sich bereit, den Kindern von 6 bis 14 Jahren ihre Freizeit zu schenken und ihnen bei Spass und Spiel und Sport und Speise auch noch viel Lehrreiches beizubringen. Gute Menschen in Alemania helfen zu den Kosten...

26.9. Endlich endlich kommen nach den trockenen Wochen von Wind und Sand die ersten Vorboten der Regenzeit — und gleich steht unser Häuschen unter Wasser. Das traue ich mir ja noch zu, die Lecks im Dach abdichten zu lassen, aber einen Neubau aufzuziehn, das habe ich mir abgeschworen! Was sehen doch nur die "Oberen" in mir, dass sie mich genau dazu immer wieder verpflichten wollen?! zuerst in Cuenca, und nun fängt es auch in Caupichu an... Es ist wahr, eine Kirche fehlt, die Messen finden statt in so einer kleinen Halleluya-Garage; es wäre sogar Geld vorhanden - aber meine Nerven halten da nicht mehr mit. Ich kenne mich und fühle mich für vieles zu alt, und es sind allein in letzter Zeit so viele Steyler Neupriester aus Asien hergekommen - die Jugend an die Front!! Nein, von Steyler Priestermangel kann auch hier keine Rede sein, und da gehe ich doch lieber gleich ins Altenheim nach Sankt Wendel! - und ich würde mich dessen noch nicht einmal schämen...

28.9. Die beiden Schwestern Filomena und Gertrudis Gualotunya könnten dem Wilhelm-Busch-Album entsprungen sein: beide über 70, beide mager und hager, die eine über 1,80, die andere keine 1,60 gross. Ich kannte sie schon vor 28 Jahren: gemeinsam zogen sie ein Wägelchen und verkauften Milch an den wenigen Häusern die es damals gab. Das tun sie heute noch, wovon sollten sie sonst leben? Doch sind beider Augen so schwach geworden, dass es lebensgefährlich wird für sie auf der Strasse. Auch sie sind nie bei mir betteln gekommen, in all ihrer Armut! Auf Umwegen erfuhr ich von der Möglichkeit einer Operation, und auf Umwegen halfen ihnen nun gute Menschen aus Alemania dass beiden der Star gestochen wurde, erfolgreich! Wie sie strahlen, die eine vor, die andere hinter ihrem Bollerwägelchen...

1966 war ich ja schon nach Ecuador gekommen, Schulleiter unseres Gymnasiums, eine Zeit an die ich gern zurück denke, und offensichtlich nicht nur ich: immer wieder kommen Lehrer oder Schüler aus damaliger Zeit mich hier besuchen, und wir geniessen die Erinnerungen! Ja, das waren noch Zeiten, damals...

6.10. Da hat mich aber eine hässliche Grippe erwischt! die ganze Woche zu Bett, und dass ich über Tag zu Bett bleibe, da muss ich mich schon richtig elend fühlen, mit Fieber und allem... Sogar zum Arzt habe ich mich bringen lassen, und bei dem war es dann nicht nur das Herz sondern gleich Leber und Nieren und Kreislauf und die Höhe von Quito in meinem Alter (Caupichu liegt auf 3000m) usw usw - doch mit seinen Wässerchen und Pillchen und Tröpfchen und Tabletten wird es schon noch eine Weile gehn, meinte er. Oder wollte er etwa nur seine Arzneien verkaufen?? Jedenfalls muss ich heute abend und morgen früh zum Rosenkranzfest, Messe im Freien, Volksbelustigung, - "und all das"...

10.10. Noch immer fühle ich mich "echt elend". Da hat P.Felipe mich gestern mitgeholt. in das Öff.Krankenhaus — nicht zu den Ärzten, sondern zu den Kranken! Das ist auch eine Kur - ich bin ihm dankbar! und habe ihm für seine Kranken gleich das gegeben was ich noch zur Hand hatte "von guten Menschen aus Alemania". — Liebe Verwandte, Freunde, wer von euch wieder sein ADVENIAT zur unmittelbaren Weitergabe senden möchte, darf das gern tun, auf bekanntem Wege. Aber ehrlich: überlegt ob es nicht auch anderswo ebensogut oder gar noch besser angebracht ist (ich weiss, P.Schneider sorgt für ein Kinderheim in Brasilien, und ich werde hier nichts Neues Grosses mehr beginnen!). Eure lieben Plauderbriefe tun mir so gut und ich freu mich herzlich darauf!! — und auf ein frohes Wiedersehn mit jedem von euch im nächsten Sommer! Bleibt gesund! habt viel Freude an allen Feiertagen und auch an den gewöhnlichen!! Der tägliche Segen geht hinüber und komt herüber, das wissen wir und spüren es, nicht wahr?

gez. P. Hugo Pöpping, im Herbst 2001 aus Ecuador

gez: P. Hugo Pöpping, aus Quito - Ecuador

 

 


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