Rundbrief Nummer 3 von Jan Schleidweiler:

Received from: "jan schleidweiler" Donnerstag, 14.Februar 2002 - 09:38:40 (Ortszeit Bolivien) - 18:38:37 (deutsche Zeit)
Reply-To: boljan@uboot.com (Jan Schleidweiler)

Hallo!

Die langen Ferien sind vorbei, die ja von Mitte Dezember bis Anfang Februar gedauert haben, und es wird nochmal Zeit, euch zu berichten, was so alles passiert ist.

  • Nationalkongress der Jugendpastoral

Ganz witzig war noch der Tag meiner Ankunft in Cochabamba, denn an diesem Tag haben alle Taxi- und Busfahrer gestreikt und die Straßen blockiert, weil sie gegen ihre Hungerlöhne demonstrierten. Also kam meine Flota schon am Anfang Cochabambas nicht mehr über die geteerte Straße weiter und wir bogen von der Straße ab auf irgendeinen Feldweg, der uns dann noch ein wenig weiter in die Stadt brachte. Dafür konnten dann alle Insassen aber noch einen Aufpreis von 1 Boliviano zahlen (gerademal ca. 17 Cent), worüber sich doch der ein oder andere noch aufregen musste. An einer für mich günstigen Stelle bin ich dann ausgestiegen und konnte dann noch so ca. eine Stunde bis zum Kurshaus laufen. Es gab nämlich wirklich keine motorisierten Fahrzeuge mehr, außer Zweiräder, die sich noch auf die Straße trauten, denn die, die es am Morgen probiert hatten, bekamen ihre Reifen durchstochen. So war die 4-spurige Straße, die in die Stadt führt, zum größten Teil nur von Fahrrädern bevölkert, wo sonst ein heiden Verkehr herrscht; wie an Happy Mosel!

  • Promociónsfeier

Mitte Dezember hieß es nun also für die Promociónsklasse (Abschlussklasse) des CEITHAR Abschied nehmen. Ich fand es schade, da ich dies Schüler ja nun alle gut kannte, weil ich ja mit ihnen nach Santa Cruz auf Klassenfahrt gewesen war.

Wie auch bei Abistufen in Deutschland war auch hier schon ein mehr oder weniger großes "Trinken" einige Tage vor der eigentlichen Feier angesagt. Wir saßen so zusammen, tranken Wein oder Singani und sprachen über die vergangene Zeit und die Zukunftspläne. Hierbei konnte ich wieder mal feststellen, wie locker die Bolivianer doch mit ihren Zukunftsplänen umgehen. Zum Beispiel sprach ich mit einem, der mir dann erzählte, dass er erst ein wenig nach Vallegrande arbeiten gehen würde (da gäbe es angeblich immer Arbeit) und danach wolle er nach Sucre studieren gehen. Ich fragte ihn, was er denn studieren wolle und er meinte nur, dass er es noch nicht wisse, aber vielleicht Doktor, das ginge schnell und man würde viel verdienen (der Studiengang zum Allgemeinmediziner dauert hier nur 2-3 Jahre, der für Krankenschwestern aber 5).

Die Abschlussfeier gefiel mir ganz gut. Wir hatten den Essensraum schön geschmückt und auch sonst war das ganze CEITHAR-Gebäude zurecht gemacht worden. Lustig an der Feier waren noch die Einladungen dazu, denn jeder Schüler verteilte einzeln seine Einladungen, so dass ich am Schluss 10 Einladungen beisammen hatte. Die Feier war zu meiner Verwunderung relativ gut durchstruckturiert. Jeder Schüler hatte sich einen Paten für die Abschlussfeier gesucht, dessen Aufgabe lediglich war, ihn am Anfang der Feier durch den Saal bis zur Bühne zu geleiten. Dann, als alle auf der Bühne standen, wurden einige Reden gehalten und Lieder und Gedichte vorgetragen. Danach musste jeder einzeln sich vor einem Kreuz niederknien und ein Dankgebet aufsagen (aus dem Kopf, was den meisten gar nicht so leicht fiel). Schließlich folgte die Zeugnisübergabe. Die Zeugnisse wurden von "wichtigen" Persönlichkeiten übergeben (Pastor, Direktoren, Bürgermeister), zu denen ich aber, als Deutscher, auch zählte. Nach der offiziellen, gab es dann noch eine Feier, bei der dann getanzt, getrunken und geredet wurde. Alles in allem war es ein schönes Fest, denn ich fand, es war irgendwie persönlicher gehalten, also es herrschte eine persönlichere Atmosphäre, als z.B. bei meiner Abschlussfeier in Deutschland "damals".

  • Potosi

In meinen Ferien suchte ich mir als ersten Ort, den ich gerne kennenlernen mochte, Potosi aus. Potosi, die Stadt, die gerne als "traurige" Stadt bezeichnet wird gefiel mir sehr gut. Es ist eine alte Stadt, mit engen Gässchen und vielen alten Kolonialbauten. Da es dort nicht viel gibt, spielt sich das ganze Leben auf der Straße ab. Wenn man Abends durch die Straßen geht, könnte man meinen, es wäre Verkaufsoffener-Sonntag in Trier. Zum Beispiel wird eine Straße abends immer für den Verkehr gesperrt, da sie auch eng ist und es durch die vielen Menschen gar nicht möglich wäre, sie zu befahren.

Was gab es sonst noch so in Potosi?

Casa de la Moneda

Das Haus de Geldes. Das ist wohl das berühmteste Museum ganz Boliviens, wenn nicht sogar Lateinamerikas. Es ist das Haus, besser gesagt die Festung, in der die Spanier früher das Silber zu Münzen prägten. Man sieht noch die alten Prägewerkstätten und kann sich noch so einige Sachen, wie z.B. eine Ausstellung der alten Münzen, andere Kunstgegenstände aus Silber und wertvolle Gemälde anschauen. Die Führung dauerte 2 Stunden und man hatte immer noch nicht alles sehen können, da es da wirklich sehr viel zu sehen gibt.

Cerro Rico

Weihnachten

Zu Weihnachten trafen sich 7 deutsche Freiwillige in Sopachuy (6 Stunden südlich von Serrano). Das war auch ganz schön so, denn für Bolivianer besteht feiern ja meist nur aus trinken und für uns Deutsche heißt Weihnachten ja dann doch was anderes. So konnten wir uns immer schön zurückziehen, wenn es uns zu wild wurde. Toll war, das wir an Heilig Abend in den Fluss schwimmen waren und uns direkt mal noch einen Sonnenbrand holten. Verrückt, in Deutschland lag so viel Schnee, wie schon lange nicht mehr und ich hatte einen Sonnenbrand. Abends nach der Christmette wünschte Nina mir frohe Weihnachten und ich wusste erst gar nicht, was sie von mir wollte, denn ich war ja so bei schönen, warmen Wetter gar nicht in Weihnachtsstimmung gekommen und musste erst mal überlegen, was sie zu mir sagte.

Ein lustiger Brauch in Bolivien ist, das jeder sein Christuskind mit in die Messe nimmt, damit es der Messe lauschen kann und auch geweiht wird. Die Christuskinder sind hier immer mindestens 3-mal so groß wie alle anderen Figuren und wenn in einem Haus Urgroß-, Groß- und Eltern zusammen wohnen, liegen in der Grippe dann auch 3 von den Riesenbabys. Ein anderer Brauch ist, dass das Christuskind jedes Jahr ein neues Kleidchen bekommen muss. Was es allerdings damit auf sich hat, habe ich nicht verstanden. Weihnachten war für mich dieses Jahr nicht Weihnachten, da mir das viele trinken, tanzen und gesinge irgendwie fremd vorkam. Es war halt irgendwie wie jedes andere Fest in Bolivien auch. Trotzdem hat es mit Spaß gemacht, aber ich freue mich auch schon wieder auf das für mich "normale" Weihnachten in Deutschland.

  • Sylvester

Über Sylvester war ich auf der Sonneninsel im Titicaca-See. Ich wollte mal ein ganz anderes Sylvester als sonst die Jahre erleben. Keine große Party, sonder auf einer Insel, wo nicht viele Menschen leben. Zudem hatte es auch noch einen bestimmten Reiz auf der Insel das neue Jahr zu beginnen, wo für die alten Inka alles Leben begonnen hat. Sylvester hatte irgendwie was von Zeltlagerabenden. Man saß draußen am Lagerfeuer, sang zu Gitarrenmusik und wartete auf 0:00 Uhr. Dann kam das Gleiche wie in Deutschland auch, man stößt miteinander an, umarmt sich, wünscht sich das Beste für das kommende Jahr und lässt Raketen steigen. Irgendwie komisch war für mich, dass ich 0:00 Uhr zweimal miterleben konnte. Einmal auf der Sonneninsel und dann eine Stunde später konnte ich dann auf der anderen Seite am peruanischen Festland die Raketen steigen sehen.

  • La Paz

Nach Sylvester war ich noch einige Tage in La Paz. La Paz ist eine der größten Städte in Bolivien und füllt ein riesiges Tal mit Steilhängen aus. Wenn man nach La Paz will, fährt man erst mal durch El Alto (andere Stadt, die zu den größten gehört). El Alto hört dann an den Kanten der Steilhänge auf und weiter unten fängt dann La Paz an. Man fährt noch fast eine halbe Stunde am Rand des Trichters entlang bergab und kann die ganze Zeit diese riesige Stadt überblicken (ich hoffe, man kann es sich ein wenig vorstellen, aber es ist schwer mit Worten zu beschreiben). Das ist glaub ich auch das einzig schöne an La Paz, denn ansonsten ist sie wie jede andere Großstadt auch dreckig, stressig und unpersönlich und es gibt nicht mehr darüber zu berichten.

  • Blockaden

Also, was sind Blockaden? Es sind Erdhaufen, Gestrüpp und Steine auf der Straße, die diese blockieren oder sperren sollen. Sie werden hin und wieder von den bolivianischen Bauern gemacht, wenn sie irgendeine Forderung bei der Regierung durchsetzen wollen. Die meisten Blockaden finden jedoch im Departament Cochabamba statt, da dort eines der Hauptkokaanbaugebiete Boliviens ist und da die US-Regierung Druck auf die bolivianische Regierung in Sachen eines Verbotes der Koka, da man ja aus Koka immerhin Kokain machen kann, ausübt und die Regierung Kokaplantagen z.B. abbrennen lässt, sind die Bauern halt sauer und blockieren die Straßen um irgendeine Forderung durchzusetzen. Welche das ist, weiß ich nicht, da in den Nachrichten meist nur über die bösen Bauern gesprochen wird und nicht darüber, was sie erreichen wollen.

Diesmal, kurz vor Karneval war allerdings eine "Generalblockade" angesagt worden. Das heißt, das die Bauern in ganz Bolivien etliche Straßen blockierten. Als Grund sahen sie den Rausschmiss eines ihrer Vertreter im Parlament, der korrupt gewesen sein soll. Aus meiner Sicht müsste sich dann das ganze Parlament auflösen, da sich bestimmt niemand findet, der nicht Dreck am Stecken hat und außerdem ist dieser Rausschmiss auch nicht ganz normal und gerecht verlaufen, denn man kann ja nicht einfach so die Immunität eines Abgeordneten auflösen, um ihn wegen Korruption vor Gericht stellen zu können, oder?

  • Fastnacht

Erst einmal zur Information, der Karneval hier in Bolivien ist an den gleichen Tagen wie der in Deutschland auch.

Schon Anfang Januar konnte man sich nicht mehr gut auf der Plaza in Sucre aufhalten, da es hier vor und während Fastnacht der Brauch ist, sich gegenseitig mit Wasser nass zu machen (z.B. gab es auch schon ab Mitte Januar auf dem Straßenmarkt bestimmt zwei Straßenzüge lang nur Wasserbomben und -pistolen zu kaufen). Eigentlich wollte ich über Fastnacht, gerade den Samstag, nach Oruro fahren. Dort wird der berühmteste Karneval Boliviens gefeiert. Leider war dies nicht möglich, da ich aus Serrano wegen der Blockaden nicht vor Samstag Nachmittag raus konnte, da gar keine Flotas fuhren. Also verbrachte ich die Tage dann in Sucre, war einige Male von oben bis unten durch nass und manchmal auch voll Schaum (also entweder werfen sie mit Wasserbomben, haben Wassereimer oder halt Sprühdosen mit irgendeinem komischen Schaum).

Der Umzug hier in Sucre war so ähnlich wie die Umzüge in Deutschland. Es gab verkleidete Fußgruppen, aber auch Wagen mit großen Figuren drauf. Gut gefallen hat mir, das jede Gruppe immer seine eigene Blaskapelle hatte, die so was Sambamäßiges gespielt haben (also nicht wie z.B. in Altrich, wo man sich zigmal "Op de Bläck Föss" anhören kann) und außerdem tanzen die Fußgruppen immer und gehen nicht einfach nur feuchtfröhlich die Strecke entlang. Getanzt und gesungen wurde sowieso wieder viel. Die Blaskapellen gingen nach dem Umzug und sowieso an allen Tagen durch die Straßen und die die Lust hatten schließen sich ihnen an und tanzten auf der Straße herum (alle triefend vor Wasser).

So, das war es dann auch schon wieder von mir. Ich entschuldige mich dafür, dass ihr ja jetzt schon länger nichts mehr von mir gehört hattet, aber ich wollte Fastnacht noch mit in meinen Rundbrief bringen.

Dann bleibt mir nur noch, mich für die vielen Weihnachts- und Neujahrsglückwünsche zu bedanken. Bedanken möchte ich mich aber auch bei denen, die mir hin und wieder eine E-mail schicken und mich über aktuelle Ereignisse (Klatsch und Tratsch) auf dem laufenden halten, damit ich bei meiner Rückkehr nicht aus den Latschen falle.

DANKE!!!!

Viele Grüße aus dem nun oft verregneten Bolivien,

Jan

 

 


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