Hirtenbrief zur österlichen Bußzeit vom 1. Fastensonntag, dem 17. Februar 2002

Weihbischof Leo Schwarz
Weihbischof Leo Schwarz

(Foto: www.bistum-trier.de)
 

„Und führe uns nicht in Versuchung“

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben!

Die Gespräche, die ich mit jungen Christen vor der Firmung führe, sind reich an Überraschungen. Meist ist es ein offener Schlagabtausch, bei dem ich sehr schnell erfahre, wie es um die Firmgruppen steht, wer die Überflieger sind in Sport, Musik, Sprachen. Wie lange man am Computer sitzt, am Fernsehen. Schließlich gehört auch die Gestaltung des Firmgottesdienstes zur Berichterstattung. Und irgendwo stelle ich die Frage: „Bevor ich dich firmen kann, musst du feierlich nein und ja sagen. Gegen wen richtet sich das Nein? Zu wem sagst du ja ?“

Verdutzte Reaktionen. Meistens geht es dann aber Schlag auf Schlag: „Gegen Teufel, Satan, Luzifer, Beelzebub“. Ich nicke und ich schüttle den Kopf. Es dauert schon eine Weile, bis die ernsthafte Rede auf das Böse, auf die Versuchung zum Bösen kommt, auf das Bekenntnis zum Dreifaltigen Gott.

Der diesjährige Fastenhirtenbrief will der Frage der Versuchbarkeit des Menschen nachgehen, zumal das heutige Evangelium die Versuchungsgeschichte Jesu dramatisch vorstellt.
Was zur Lebensgeschichte Jesu gehört, auch die Versuchungsgeschichte, ist gleichzeitig Schlüsselerfahrung für alle, die in der Nachfolge Christi stehen. Niemand kann das in Schubladen ablegen. Es bleibt das Herzstück für jeden wachen Christen.

Jesus hat in drei Runden Versuchung erlitten und erlebt. Er hat drei teuflische Angriffe bestanden. Es liegt an uns, ob wir bereit sind, diese Erfahrung Jesu in unsere moderne Lebenswelt zu übersetzten. Wie schätzen wir die Versuchungsgeschichte ein? Gehen wir damit verächtlich um, wie mit einer verstaubten Story, oder bleibt Versuchung auch für uns eine todernste Sache. Ich denke an die Augenblicke im Leben des Menschen, in denen die Anfälligkeit für das Böse akut wird. Die vielen Versuchungsgeschichten der Bibel sind bedenkenswerter Hintergrund.

Je mehr ich das deutsche Wort „Versuchung“ wäge, umso deutlicher spüre ich, wie schillernd dieser Begriff ist. Die Wortvarianten sind auffällig: Versuch, Gesuch, Besuch, Heimsuchung, Untersuchung, Durchsuchung.
Eine weite Spanne menschlicher Erfahrung steckt darin. Freilich, das konkrete Wort „Versuchung“ ist doppeldeutig. Unter dem Deckmantel des Guten wird Böses ins Spiel gebracht. Es ist nicht sofort durchschaubar. Entscheidung ist notwendig.

Wie viel Anreiz, wie viel Verlockendes steckt in den neuen Heilsbotschaften. Die moderne Werbung hat unser Empfinden so stumpf gemacht, dass es schwer fällt, die Vortäuschung des Guten zu durchschauen. Der Zusammenhang von Sünde und Verwundbarkeit des Menschen wird kaum noch gesehen. Teufel und Versuchung werden kleingeschrieben. Wem fällt schon ein, wenn die Leute dreimal auf Holz klopfen und gleichzeitig „toi, toi, toi“ sagen, dass ursprünglich damit dreimal der Teufel gemeint ist, den man mit ein bisschen Lärm vertreiben will. In unserer Zeit erscheint Versuchung bieder, schillernd, simpel, fast lächerlich. Eine Bagatelle. Müssen Terror und Verbrechen uns erst den Teufel buchstäblich an die Wand malen, damit wir aufmerken? Wenn das Böse wirklich zuschlägt, mit Brutalität und mit Wucht, so dass uns Hören und Sehen vergehen, sind wir bereit zuzugeben, dass jetzt der Teufel los ist.

Jesus hat um unseretwillen die Versuchung bestanden, sein Leben ist Beweis und Ermutigung, dass auch unsere Versuchungsgeschichten gut ausgehen können. Seine Erfahrung ist für uns Zuspruch und Segen. Sie bewahrt uns vor Illusionen, vor falschen Kalkulationen und vor Kursabweichung. Sie entlarvt die versprochene Scheinwelt und sorgt dafür, dass wir nicht ins Leere greifen und dass die Inkubationszeit des Bösen abgekürzt wird. Jesus Christus konnte als einziger Mensch mit der Versuchung souverän umgehen. Damit ist uns Solidarität in unseren eigenen Krisensituationen zugesagt, so sehr, dass die bestandenen Versuchungen uns näher zu Gott bringen und dass das Gütesiegel Gottes aufleuchtet, weil er uns aus der Umklammerung durch das Böse befreit.

Um was geht es bei den drei Versuchungsrunden, die Jesus bestehen muss? Die Versuchung Jesu hat ein Vorspiel. Bevor er in der Öffentlichkeit handelt, bevor er sich unter die Menge mischt, die Menschen aufsucht, wählt Jesus den Aufenthalt in der Wüste. Die Wüste gilt als Ort der Gotteserfahrung. In der Wüste will Jesus ganz bei Gott sein; er sucht Sammlung und Besinnung. In den Evangelien heißt es: „Dann wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt“.

Der Wüstenaufenthalt ist eine vom Heiligen Geist geschenkte Zeit der Gottessuche und der Gotteserfahrung. Wir erinnern uns an die negativen und die positiven Erfahrungen des Heiligen Volkes während der vierzigjährigen Wüstenwanderung.

Wir gehen leicht zu schnell über diese Schriftaussage hinweg. Vor der Versuchungsgeschichte liegt die Rüstzeit Jesu in der Wüste, die er in der Kraft des Heiligen Geistes wählt.
Wir sollten darüber nachdenken, ob unsere eigenen Versuchungsgeschichten durch einen geistlichen Rückhalt abgesichert sind.

Bei der Versuchung Jesu geht es um drei markante Handlungsfelder:

 

1.  Machen:  „Befiehl diesen Steinen Brot zu werden“
2.  Springen, Überspringen:  „Stürz dich hinab“
3.  Haben:  „Das alles will ich dir geben, wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest“

Die Versuchungsbereiche sind mit einem dreifachen Ortswechsel verbunden:

Wüste, Tempelspitze und hoher Berg mit Weltblick.

Die Versuchungsgeschichte Jesu wird entfaltet, um uns die ganze Bandbreite der Versuchungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Es soll gesagt werden, Versuchung ist vielfach: immer wieder, immer aktueller und vielleicht auch immer heimtückischer. Mit dreimal kommt niemand davon. Überall auf allen Ebenen kann uns Böses anfallen.

Wenden wir uns den einzelnen Bereichen zu.

Zur ersten Versuchung:

Machen: Steine in Brot verwandeln:
Der Vorschlag des Versuchers scheint so einfach. Endlich mit dem weltweiten Hunger fertig werden. Jesus, der gotterwählte Befreier und Erlöser, soll nach der großen Gotteserfahrung nicht armselig leben und eine erbärmliche Figur abgeben.

Wie aktuell ist doch diese Versuchung: Alles muss man in den Griff bekommen. Alles muss machbar sein. Schnelles Umsetzen. Rascher Erfolg. Machen, statt Geschöpflichkeit zu akzeptieren.
Gerade die Diskussionen im Zusammenhang mit den Fragen der Bioethik zeigen unsere Verunsicherung und die Versuchung, das Mögliche als Maßstab des Erlaubten zu wählen, so, als sei der Mensch sein eigener Schöpfer. Müssen wir nicht zunächst von Gott her leben? Den Bereich des Unverfügbaren im Leben des Menschen anerkennen? Bereit sein zu empfangen? Offen sein für den Weg Gottes mit den Menschen? Er, dessen Ebenbildlichkeit uns auszeichnet, der Ursprung unserer Würde ist, bleibt der erste und letzte Auftraggeber der Menschheit. Je mehr wir ihn zurückweisen, um so erfolgloser werden unsere Weltverbesserungsvorhaben sein, und die Kettenreaktion des Bösen zeichnet sich ab.

Die zweite Versuchung:

Springen, Überspringen: Für viele ist es an der Tagesordnung, so schnell wie möglich an die Spitze zu kommen. Die Spitze muss auf Biegen und Brechen gehalten werden. Das ist der teuflische Vorschlag für Jesus: Dein Platz ist oben. Die vorzügliche Stellung eines Stars. Das Außerordentliche, die Sensation soll die Menschen beeindrucken. Das Flutlicht der Bühne scheint wichtiger als das treue Verkündigen der guten Botschaft. Der Teufel stellt den Weg Jesu mit den Menschen wie einen Trick dar. Nicht der geduldige Dialog mit den Menschen, ihnen in die Augen schauen und Schritt für Schritt an ihrer Seite bleiben. Hochstapelei statt Vorrang der Wahrheit. Über die Wahrheit hinwegspringen, des Erfolges wegen.

Sind wir anfällig geworden für Überheblichkeit? Genehmigen wir uns die falschen Abkürzungen, um im besten Licht zu stehen? Ungehorsam gegenüber der Sendung? Sind die kleinen Schritte nicht wichtiger als das große Überspringen? Treue in unserer Alltagswelt.
Solidarität mit allen Menschen, den Kleinen und Schwachen zuerst. Nicht der Ausstieg, sondern das Ausharren an jedem neuen Tag ist unser Auftrag.

Und zur dritten Versuchung:

Haben:
Was ist der Inhalt der letzten teuflischen Attacke? Ein kurzer Kniefall nur so am Rande, und die Welt gehört Dir. Eine kleine Verbeugung vor dem falschen Gott genügt schon. Hingabe an die Dinge, statt Hingabe an Gott. Verschaffe Dir Ansehen und sorge für Bedienung. Stell’ viele Dinge um dich herum. Statte dich aus! Wie vollgestopft man sein kann, das wissen wir. Verschaff dir Sicherheiten. Wenn du alles hast, dann fällt dir auch Macht zu, sogar Vormacht.

Wie oft sind wir auf diesen Kuhhandel hereingefallen und vertrauten mehr auf unsere Besitztümer als auf unsere inneren Werte. Rücksichtsloser Konsum und überzogener Lebensstil gefährden uns selbst und die Menschheit. Sind wir süchtig geworden nach dem Neuesten, dem Schnellsten, dem Besten? Sind wir die Marionetten dieses Spiels? Zugegeben, wir haben das Teilen gelernt. Viele haben viel gegeben. Die Leistungen der großen Hilfswerke in der katholischen Kirche in Deutschland sind dafür Beweis. Aber Müdigkeit, Interesselosigkeit und Gleichgültigkeit zeichnen sich ab. Ein großer Kirchenlehrer sagt: Nur was wir hergeben, besitzen wir wirklich.

Das Lebensumfeld Jesu ist nicht unser Lebensumfeld, und doch sind die Erfahrungen Jesu auch für uns relevant. Die Antwort Jesu auf die mit Schriftzitaten scheinbar abgesicherten Anfragen des Teufels ist sein Lebenszeugnis. Er macht sich nicht mit ein paar Zitaten davon und manövriert sich aus der heiklen Lage heraus. Der Auftrag seines Vaters ist seine Lebensantwort. Es geht ihm dabei nicht um einen siegreichen Alleingang, sondern er will denen, die ihm nachfolgen, Grunderfahrungen vermitteln. „Der all uns hat erlöset von Satans Dienstbarkeit“ singen wir im Kirchenlied.

Fastenzeit heißt, die Last unserer Menschlichkeit neu zu begreifen. Es gibt keinen Abschied vom Teufel. Wir werden weiter getestet. Wir wissen um Finsternis und Todesschatten und das Kraftfeld des Bösen und die Möglichkeit gigantischen Irrtums. Suchen und Versuchtwerden stehen immer im Zusammenhang. Viel ist verschüttet, ist zugebaut, scheint ausweglos.

Wer auf Ostern zugeht, spürt das Licht, das durch Christus kommt, der Aufgang Gottes durch die Überwindung des Bösen. Wir greifen nicht ins Leere. Jesus hat die Versuchungen bestanden. Er hat seine Durchhaltefähigkeit und in seiner Passion unsere anonymen Situationen an sich gezogen. Er bringt Klarheit in unser Leben. Lügen, Gaukeleien, geistliche Verwahrlosung werden durchschaut und unser Wanken wird stabilisiert. Jetzt geht es um Ermutigung und Aufbruch aus den Verwüstungen. Gottes Weggeleit ist sicher. Dabei dürfen wir das inständige Gebet „Und führe uns nicht in Versuchung“ nicht vergessen.

Ich lade Sie ein, auch das Sakrament der Versöhnung zu empfangen. Die Beichte ist das wirksamste Angebot für Befreiung und Neuanfang im Leben der Christen.

Im Namen unseres neuernannten Bischofs Dr. Reinhard Marx und in meinem Namen erbitte ich Gottes reichen Segen für Sie, besonders in der österlichen Bußzeit.

Trier, den 20. Januar 2002

Weihbischof Leo Schwarz
Diözesanadministrator

zitiert nach: Kirchliches Amtsblatt - Bistum Trier - vom 1. Februar 2002, Nr. 25

 

 

 


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