
Weihbischof Leo Schwarz
(Foto: www.bistum-trier.de) |
„Und
führe uns nicht in Versuchung“
Liebe Schwestern und Brüder im Glauben!
Die Gespräche, die ich mit jungen Christen vor der Firmung führe,
sind reich an Überraschungen. Meist ist es ein offener
Schlagabtausch, bei dem ich sehr schnell erfahre, wie es um die
Firmgruppen steht, wer die Überflieger sind in Sport, Musik,
Sprachen. Wie lange man am Computer sitzt, am Fernsehen. Schließlich
gehört auch die Gestaltung des Firmgottesdienstes zur
Berichterstattung. Und irgendwo stelle ich die Frage: „Bevor ich
dich firmen kann, musst du feierlich nein und ja sagen. Gegen wen
richtet sich das Nein? Zu wem sagst du ja ?“
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Verdutzte Reaktionen. Meistens geht es dann aber Schlag auf Schlag:
„Gegen Teufel, Satan, Luzifer, Beelzebub“. Ich nicke und ich schüttle
den Kopf. Es dauert schon eine Weile, bis die ernsthafte Rede auf das
Böse, auf die Versuchung zum Bösen kommt, auf das Bekenntnis zum
Dreifaltigen Gott.
Der diesjährige Fastenhirtenbrief will der Frage der
Versuchbarkeit des Menschen nachgehen, zumal das heutige Evangelium
die Versuchungsgeschichte Jesu dramatisch vorstellt.
Was zur Lebensgeschichte Jesu gehört, auch die Versuchungsgeschichte,
ist gleichzeitig Schlüsselerfahrung für alle, die in der Nachfolge
Christi stehen. Niemand kann das in Schubladen ablegen. Es bleibt das
Herzstück für jeden wachen Christen.
Jesus hat in drei Runden Versuchung erlitten und erlebt. Er hat
drei teuflische Angriffe bestanden. Es liegt an uns, ob wir bereit
sind, diese Erfahrung Jesu in unsere moderne Lebenswelt zu übersetzten.
Wie schätzen wir die Versuchungsgeschichte ein? Gehen wir damit verächtlich
um, wie mit einer verstaubten Story, oder bleibt Versuchung auch für
uns eine todernste Sache. Ich denke an die Augenblicke im Leben des
Menschen, in denen die Anfälligkeit für das Böse akut wird. Die
vielen Versuchungsgeschichten der Bibel sind bedenkenswerter
Hintergrund.
Je mehr ich das deutsche Wort „Versuchung“ wäge, umso
deutlicher spüre ich, wie schillernd dieser Begriff ist. Die
Wortvarianten sind auffällig: Versuch, Gesuch, Besuch, Heimsuchung,
Untersuchung, Durchsuchung.
Eine weite Spanne menschlicher Erfahrung steckt darin. Freilich, das
konkrete Wort „Versuchung“ ist doppeldeutig. Unter dem Deckmantel
des Guten wird Böses ins Spiel gebracht. Es ist nicht sofort
durchschaubar. Entscheidung ist notwendig.
Wie viel Anreiz, wie viel Verlockendes steckt in den neuen
Heilsbotschaften. Die moderne Werbung hat unser Empfinden so stumpf
gemacht, dass es schwer fällt, die Vortäuschung des Guten zu
durchschauen. Der Zusammenhang von Sünde und Verwundbarkeit des
Menschen wird kaum noch gesehen. Teufel und Versuchung werden
kleingeschrieben. Wem fällt schon ein, wenn die Leute dreimal auf
Holz klopfen und gleichzeitig „toi, toi, toi“ sagen, dass ursprünglich
damit dreimal der Teufel gemeint ist, den man mit ein bisschen Lärm
vertreiben will. In unserer Zeit erscheint Versuchung bieder,
schillernd, simpel, fast lächerlich. Eine Bagatelle. Müssen Terror
und Verbrechen uns erst den Teufel buchstäblich an die Wand malen,
damit wir aufmerken? Wenn das Böse wirklich zuschlägt, mit Brutalität
und mit Wucht, so dass uns Hören und Sehen vergehen, sind wir bereit
zuzugeben, dass jetzt der Teufel los ist.
Jesus hat um unseretwillen die Versuchung bestanden, sein Leben ist
Beweis und Ermutigung, dass auch unsere Versuchungsgeschichten gut
ausgehen können. Seine Erfahrung ist für uns Zuspruch und Segen. Sie
bewahrt uns vor Illusionen, vor falschen Kalkulationen und vor
Kursabweichung. Sie entlarvt die versprochene Scheinwelt und sorgt dafür,
dass wir nicht ins Leere greifen und dass die Inkubationszeit des Bösen
abgekürzt wird. Jesus Christus konnte als einziger Mensch mit der
Versuchung souverän umgehen. Damit ist uns Solidarität in unseren
eigenen Krisensituationen zugesagt, so sehr, dass die bestandenen
Versuchungen uns näher zu Gott bringen und dass das Gütesiegel
Gottes aufleuchtet, weil er uns aus der Umklammerung durch das Böse
befreit.
Um was geht es bei den drei Versuchungsrunden, die Jesus bestehen
muss? Die Versuchung Jesu hat ein Vorspiel. Bevor er in der Öffentlichkeit
handelt, bevor er sich unter die Menge mischt, die Menschen aufsucht,
wählt Jesus den Aufenthalt in der Wüste. Die Wüste gilt als Ort der
Gotteserfahrung. In der Wüste will Jesus ganz bei Gott sein; er sucht
Sammlung und Besinnung. In den Evangelien heißt es: „Dann wurde
Jesus vom Geist in die Wüste geführt“.
Der Wüstenaufenthalt ist eine vom Heiligen Geist geschenkte Zeit
der Gottessuche und der Gotteserfahrung. Wir erinnern uns an die
negativen und die positiven Erfahrungen des Heiligen Volkes während
der vierzigjährigen Wüstenwanderung.
Wir gehen leicht zu schnell über diese Schriftaussage hinweg. Vor
der Versuchungsgeschichte liegt die Rüstzeit Jesu in der Wüste, die
er in der Kraft des Heiligen Geistes wählt.
Wir sollten darüber nachdenken, ob unsere eigenen
Versuchungsgeschichten durch einen geistlichen Rückhalt abgesichert
sind.
Bei der Versuchung Jesu geht es um drei markante Handlungsfelder:
| 1. |
Machen: |
„Befiehl diesen Steinen Brot zu werden“ |
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2. |
Springen, Überspringen: |
„Stürz dich hinab“ |
|
3. |
Haben: |
„Das alles will ich dir geben, wenn du dich
vor mir niederwirfst und mich anbetest“ |
Die Versuchungsbereiche sind mit einem dreifachen Ortswechsel
verbunden:
Wüste, Tempelspitze und hoher Berg mit Weltblick.
Die Versuchungsgeschichte Jesu wird entfaltet, um uns die ganze
Bandbreite der Versuchungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Es soll gesagt
werden, Versuchung ist vielfach: immer wieder, immer aktueller und
vielleicht auch immer heimtückischer. Mit dreimal kommt niemand
davon. Überall auf allen Ebenen kann uns Böses anfallen.
Wenden wir uns den einzelnen Bereichen zu.
Zur ersten Versuchung:
Machen: Steine in Brot verwandeln:
Der Vorschlag des Versuchers scheint so einfach. Endlich mit dem
weltweiten Hunger fertig werden. Jesus, der gotterwählte Befreier und
Erlöser, soll nach der großen Gotteserfahrung nicht armselig leben
und eine erbärmliche Figur abgeben.
Wie aktuell ist doch diese Versuchung: Alles muss man in den Griff
bekommen. Alles muss machbar sein. Schnelles Umsetzen. Rascher Erfolg.
Machen, statt Geschöpflichkeit zu akzeptieren.
Gerade die Diskussionen im Zusammenhang mit den Fragen der Bioethik
zeigen unsere Verunsicherung und die Versuchung, das Mögliche als Maßstab
des Erlaubten zu wählen, so, als sei der Mensch sein eigener Schöpfer.
Müssen wir nicht zunächst von Gott her leben? Den Bereich des Unverfügbaren
im Leben des Menschen anerkennen? Bereit sein zu empfangen? Offen sein
für den Weg Gottes mit den Menschen? Er, dessen Ebenbildlichkeit uns
auszeichnet, der Ursprung unserer Würde ist, bleibt der erste und
letzte Auftraggeber der Menschheit. Je mehr wir ihn zurückweisen, um
so erfolgloser werden unsere Weltverbesserungsvorhaben sein, und die
Kettenreaktion des Bösen zeichnet sich ab.
Die zweite Versuchung:
Springen, Überspringen: Für viele ist es an der Tagesordnung, so
schnell wie möglich an die Spitze zu kommen. Die Spitze muss auf
Biegen und Brechen gehalten werden. Das ist der teuflische Vorschlag für
Jesus: Dein Platz ist oben. Die vorzügliche Stellung eines Stars. Das
Außerordentliche, die Sensation soll die Menschen beeindrucken. Das
Flutlicht der Bühne scheint wichtiger als das treue Verkündigen der
guten Botschaft. Der Teufel stellt den Weg Jesu mit den Menschen wie
einen Trick dar. Nicht der geduldige Dialog mit den Menschen, ihnen in
die Augen schauen und Schritt für Schritt an ihrer Seite bleiben.
Hochstapelei statt Vorrang der Wahrheit. Über die Wahrheit
hinwegspringen, des Erfolges wegen.
Sind wir anfällig geworden für Überheblichkeit? Genehmigen wir
uns die falschen Abkürzungen, um im besten Licht zu stehen?
Ungehorsam gegenüber der Sendung? Sind die kleinen Schritte nicht
wichtiger als das große Überspringen? Treue in unserer Alltagswelt.
Solidarität mit allen Menschen, den Kleinen und Schwachen zuerst.
Nicht der Ausstieg, sondern das Ausharren an jedem neuen Tag ist unser
Auftrag.
Und zur dritten Versuchung:
Haben:
Was ist der Inhalt der letzten teuflischen Attacke? Ein kurzer
Kniefall nur so am Rande, und die Welt gehört Dir. Eine kleine
Verbeugung vor dem falschen Gott genügt schon. Hingabe an die Dinge,
statt Hingabe an Gott. Verschaffe Dir Ansehen und sorge für
Bedienung. Stell’ viele Dinge um dich herum. Statte dich aus! Wie
vollgestopft man sein kann, das wissen wir. Verschaff dir
Sicherheiten. Wenn du alles hast, dann fällt dir auch Macht zu, sogar
Vormacht.
Wie oft sind wir auf diesen Kuhhandel hereingefallen und vertrauten
mehr auf unsere Besitztümer als auf unsere inneren Werte. Rücksichtsloser
Konsum und überzogener Lebensstil gefährden uns selbst und die
Menschheit. Sind wir süchtig geworden nach dem Neuesten, dem
Schnellsten, dem Besten? Sind wir die Marionetten dieses Spiels?
Zugegeben, wir haben das Teilen gelernt. Viele haben viel gegeben. Die
Leistungen der großen Hilfswerke in der katholischen Kirche in
Deutschland sind dafür Beweis. Aber Müdigkeit, Interesselosigkeit
und Gleichgültigkeit zeichnen sich ab. Ein großer Kirchenlehrer
sagt: Nur was wir hergeben, besitzen wir wirklich.
Das Lebensumfeld Jesu ist nicht unser Lebensumfeld, und doch sind
die Erfahrungen Jesu auch für uns relevant. Die Antwort Jesu auf die
mit Schriftzitaten scheinbar abgesicherten Anfragen des Teufels ist
sein Lebenszeugnis. Er macht sich nicht mit ein paar Zitaten davon und
manövriert sich aus der heiklen Lage heraus. Der Auftrag seines
Vaters ist seine Lebensantwort. Es geht ihm dabei nicht um einen
siegreichen Alleingang, sondern er will denen, die ihm nachfolgen,
Grunderfahrungen vermitteln. „Der all uns hat erlöset von Satans
Dienstbarkeit“ singen wir im Kirchenlied.
Fastenzeit heißt, die Last unserer Menschlichkeit neu zu
begreifen. Es gibt keinen Abschied vom Teufel. Wir werden weiter
getestet. Wir wissen um Finsternis und Todesschatten und das Kraftfeld
des Bösen und die Möglichkeit gigantischen Irrtums. Suchen und
Versuchtwerden stehen immer im Zusammenhang. Viel ist verschüttet,
ist zugebaut, scheint ausweglos.
Wer auf Ostern zugeht, spürt das Licht, das durch Christus kommt,
der Aufgang Gottes durch die Überwindung des Bösen. Wir greifen
nicht ins Leere. Jesus hat die Versuchungen bestanden. Er hat seine
Durchhaltefähigkeit und in seiner Passion unsere anonymen Situationen
an sich gezogen. Er bringt Klarheit in unser Leben. Lügen,
Gaukeleien, geistliche Verwahrlosung werden durchschaut und unser
Wanken wird stabilisiert. Jetzt geht es um Ermutigung und Aufbruch aus
den Verwüstungen. Gottes Weggeleit ist sicher. Dabei dürfen wir das
inständige Gebet „Und führe uns nicht in Versuchung“ nicht
vergessen.
Ich lade Sie ein, auch das Sakrament der Versöhnung zu empfangen.
Die Beichte ist das wirksamste Angebot für Befreiung und Neuanfang im
Leben der Christen.
Im Namen unseres neuernannten Bischofs Dr. Reinhard Marx und in
meinem Namen erbitte ich Gottes reichen Segen für Sie, besonders in
der österlichen Bußzeit.
Trier, den 20. Januar 2002
Weihbischof Leo Schwarz
Diözesanadministrator
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