Hält Gott sich von unserem Gottesdienst fern?

'Gehorsam bis zum Tod' - Jesus nimmt das Kreuz auf sich, aus dem Kreuzweg von Margarete Ehlert

Der "Geist der Liturgie", das Konzil
und Aarons berühmter Tanz um den goldenen Jungstier.

Ein Kommentar von Liudger Berresheim
zur Eucharistiepraxis in vielen Gemeinden.

Keine Frage: Jeder Priester hat in der Kirche die Macht, kraft seiner Weihe Gott in der Messe anwesend sein zu lassen, Christus gleichsam für die um den Altar versammelte Gemeinde herabzuholen. Gott kommt. Keine Frage. – So weit, so gut?

Keineswegs. Denn was feiern wir in der Messe eigentlich: das Gott zu uns kommt? Das wir – durch Christus erlöst – wieder gottfähig sind? Beides, werden viele sagen, doch ganz so einfach ist die Betrachtung nicht. Denn schon die Frage, wohin wir "blicken", ist nicht eindeutig: Auf uns? (Gott will bei uns sein...), im Kreis? (Wo zwei oder drei...), zum Altar? (Nimm diese heiligen, makellosen Opfergaben...), nach oben? (Hosanna in der Höhe...). Alles, möchte man wieder antworten und für jede "Blickrichtung" gibt es gute Antworten. Im Grunde werden wir aber Orientierungslos, wenn wir das Ziel nicht mehr vor Augen haben, wenn wir keine gemeinsame Blickrichtung finden, die über die versammelte Gemeinde hinausragt.
"Liturgie [ist] eben nicht eine ‚Selbstveranstaltung‘ der Gemeinde, die sich dabei einbringt, wie man so schön sagt, sondern das Heraustreten der Gemeinde aus dem bloßen Selbersein" (Ansprache Papst Benedikt XVI. am 7.11.06 an die Bischöfe der Schweiz). Früher blickten wir nach "Osten", auf den "Orient", und hatten dadurch eine "Orientierung" schreibt der jetzige Papst als Präfekt der Glaubenskongregation in seinem Buch "Geist der Liturgie" (2000).

Doch blicken wir zunächst auf das II. Vatikanische Konzil, auf das sich viele so gerne berufen, was es in der Liturgiekonstitution Sacrosanctum Concilium (SC) und der dogmatischen Konstitution "über die Kirche" (LG) dazu sagt:
Liturgie, besonders die Feier der Eucharistie, ist "vor allem Anbetung Gottes" (SC 33), in ihr "feiert die (ganze) Kirche" (SC 26) und ist dabei "aufs innigste mit dem Kult der himmlischen Kirche verbunden" (LG 50). "In der irdischen Liturgie singen wir dem Herrn mit der ganzen Schar des himmlischen Heeres den Lobgesang der Herrlichkeit" (SC 8). Die "tätige Teilnahme" (SC 14), das Schlagwort für die notwendige Veränderung wie viele annehmen, meint aber, zu lernen, sich selbst mit seinem Leben als Opfer darzubringen vor Gott (SC 48) und die Welt durch unser Glaubensbekenntnis Gott zu weihen (LG 34).

Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Kirche besonderes Augenmerk auf die liturgischen Normen legt, denn es ist "die große Verantwortung der Priester ...ihr in persona Christi vorzustehen" (siehe SC 7) wie Papst Johannes Paul II. es in der Enzyklika "Ecclesia de Eucharistia" formuliert: "Die Liturgie ist niemals Privatbesitz irgendjemandes, weder des Zelebranten, noch der Gemeinschaft, in der die heiligen Geheimnisse gefeiert werden", weil "in der und durch die Eucharistie [die Gesamtkirche] immer zugegen ist" (Nr. 52). Nachdrücklich betont auch das Konzil, das nur die "Autorität der Kirche" (SC 22,1) die Liturgie ordnen und "niemand sonst, auch wenn er Priester wäre, nach eigenem Gutdünken in der Liturgie etwas hinzufügen, wegnehmen oder ändern" (SC 22,3) darf. Denn "jede liturgische Feier ist als Werk Christi, des Priesters, und seines Leibes, der die Kirche ist, in vorzüglichem Sinn heilige Handlung" (SC 6).
Es ist also göttliches Tun, das wir vollziehen. Wahrhaft "Göttliche Liturgie", die wir feiern. Ein Begriff übrigens, der bis heute in der orthodoxen Kirche gebräuchlich ist.

Haben Sie sich schon mal gefragt, was passiert, wenn menschliches Tun sich über Gottes Tun stellt? Oder konkret gefragt: Was passiert, wenn die liturgische Ordnung der Kirche für die Eucharistiefeier vom Zelebranten und Gottesvolk verändert wird?

Betrachten wir die Wurzeln unserer Liturgie, wird deutlich, dass Gott selbst Ursprung des Kultes ist, denn auch Mose wusste dem Pharao nichts zu entgegnen, wie sie Gott dienen können (Ex 10,26), bis Gott sich ihm offenbarte und den Kult vorschrieb (Ex 12,1-33). Dass die christliche Liturgie maßgeblich im jüdischen Kult verwurzelt ist, führt Kardinal Schönborn in seinem Buch "Wovon wir leben können" (2005) aus. Dass "die wirkliche Liturgie" nicht "unserer eigenen Kreativität entspringen" kann, sondern voraussetzt, dass "Gott antwortet und zeigt, wie wir ihn verehren können" belegt Kardinal Ratzinger in seinem bereits erwähnten Buch "Geist der Liturgie". Am Beispiel der Geschichte vom Tanz um "das goldene Kalb" (Ex 32,1-9) weist er nach, dass "Kult nicht beliebig" ist und Aarons Untreue subtiler ist, als die zunächst erscheinende Anbetung fremder Götter: "Es ist Kult aus eigener Vollmacht".

Für uns ist hier die Folge interessant, die wenige Verse weiter steht:
Gott hält sich fern, geht nicht mehr mit – so klar, so einfach die Aussage der Bibel (Ex 33,3). Tröstlich nur, das Gott wenigstens noch einen Engel zur Begleitung bereit hält (Ex 33,2).

 

Anmerkung:

(siehe auch die "7 Thesen")
Nimmt man die Predigt Papst Benedikts XVI. in München, wo er der deutschen Kirche ob ihres sozialen weltweiten Engagements, die gleichzeitig Projekte der Evangelisierung als zweitrangig sieht, dankt und mahnt, vergleicht die päpstlichen Messfeiern, im Besonderen die Vigilfeier beim Weltjugendtag in Köln, mit den allgegenwärtig hier „gestalteten Gottesdiensten", ist als auffallender Unterschied die Beachtung der „Ordnung" offenkundig, so dass bei ersteren selbst professionelle Fernsehjournalisten ergriffen still werden während jene dem Anschein nach kaum das Weltliche verlassen. Liest man das Buch „Wovon wir leben können" von Kardinal Schönborn, zum weiteren Verständnis Scott Hahns „Das Mahl des Lammes", befasst sich mit dem „Geist der Liturgie" (Ratzinger) und hört auf das, was das Konzil gesagt und verbindlich geschrieben hat, dann ist für mich mit hinlänglich logischer Kausalität gegeben, dass aus der zwar gemeinten und gewollten Anbetung Gottes durch den Ungehorsam gegenüber Gott und der Kirche auch bei unseren „Gottesdiensten" die Realität der Gottesferne gemäß Exodus 33 als Konsequenz aus dem Tanz um „das goldene Kalb" eingetreten ist, womit die Ursache der vielfach beklagten heutigen Probleme beschrieben ist: Wo Gott sich fern hält, kann sein Ruf umso schwerer nur vernommen werden.

 

 

 


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