Keine Frage: Jeder Priester hat in
der Kirche die Macht, kraft seiner Weihe Gott in der Messe anwesend sein
zu lassen, Christus gleichsam für die um den Altar versammelte Gemeinde
herabzuholen. Gott kommt. Keine Frage. – So weit, so gut?
Keineswegs. Denn was feiern wir in der Messe
eigentlich: das Gott zu uns kommt? Das wir – durch Christus erlöst
– wieder gottfähig sind? Beides, werden viele sagen, doch ganz so
einfach ist die Betrachtung nicht. Denn schon die Frage, wohin wir
"blicken", ist nicht eindeutig: Auf uns? (Gott will bei uns
sein...), im Kreis? (Wo zwei oder drei...), zum Altar? (Nimm diese
heiligen, makellosen Opfergaben...), nach oben? (Hosanna in der
Höhe...). Alles, möchte man wieder antworten und für jede
"Blickrichtung" gibt es gute Antworten. Im Grunde werden wir
aber Orientierungslos, wenn wir das Ziel nicht mehr vor Augen haben,
wenn wir keine gemeinsame Blickrichtung finden, die über die
versammelte Gemeinde hinausragt.
"Liturgie [ist] eben nicht eine ‚Selbstveranstaltung‘ der
Gemeinde, die sich dabei einbringt, wie man so schön sagt, sondern das
Heraustreten der Gemeinde aus dem bloßen Selbersein" (Ansprache
Papst Benedikt XVI. am 7.11.06 an die Bischöfe der Schweiz). Früher
blickten wir nach "Osten", auf den "Orient", und
hatten dadurch eine "Orientierung" schreibt der jetzige Papst
als Präfekt der Glaubenskongregation in seinem Buch "Geist der
Liturgie" (2000).
Doch blicken wir zunächst auf das II.
Vatikanische Konzil, auf das sich viele so gerne berufen, was es in der
Liturgiekonstitution Sacrosanctum Concilium (SC) und der dogmatischen
Konstitution "über die Kirche" (LG) dazu sagt:
Liturgie, besonders die Feier der Eucharistie, ist "vor allem
Anbetung Gottes" (SC 33), in ihr "feiert die (ganze)
Kirche" (SC 26) und ist dabei "aufs innigste mit dem Kult der
himmlischen Kirche verbunden" (LG 50). "In der irdischen
Liturgie singen wir dem Herrn mit der ganzen Schar des himmlischen
Heeres den Lobgesang der Herrlichkeit" (SC 8). Die "tätige
Teilnahme" (SC 14), das Schlagwort für die notwendige Veränderung
wie viele annehmen, meint aber, zu lernen, sich selbst mit seinem Leben
als Opfer darzubringen vor Gott (SC 48) und die Welt durch unser
Glaubensbekenntnis Gott zu weihen (LG 34).
Es ist daher nicht verwunderlich, dass die
Kirche besonderes Augenmerk auf die liturgischen Normen legt, denn es
ist "die große Verantwortung der Priester ...ihr in persona
Christi vorzustehen" (siehe SC 7) wie Papst Johannes Paul II.
es in der Enzyklika "Ecclesia de Eucharistia" formuliert:
"Die Liturgie ist niemals Privatbesitz irgendjemandes, weder des
Zelebranten, noch der Gemeinschaft, in der die heiligen Geheimnisse
gefeiert werden", weil "in der und durch die Eucharistie [die
Gesamtkirche] immer zugegen ist" (Nr. 52). Nachdrücklich betont
auch das Konzil, das nur die "Autorität der Kirche" (SC 22,1)
die Liturgie ordnen und "niemand sonst, auch wenn er Priester
wäre, nach eigenem Gutdünken in der Liturgie etwas hinzufügen,
wegnehmen oder ändern" (SC 22,3) darf. Denn "jede liturgische
Feier ist als Werk Christi, des Priesters, und seines Leibes, der die
Kirche ist, in vorzüglichem Sinn heilige Handlung" (SC 6).
Es ist also göttliches Tun, das wir vollziehen. Wahrhaft
"Göttliche Liturgie", die wir feiern. Ein Begriff übrigens,
der bis heute in der orthodoxen Kirche gebräuchlich ist.
Haben Sie sich schon mal gefragt, was passiert,
wenn menschliches Tun sich über Gottes Tun stellt? Oder konkret
gefragt: Was passiert, wenn die liturgische Ordnung der Kirche für die
Eucharistiefeier vom Zelebranten und Gottesvolk verändert wird?
Betrachten wir die Wurzeln unserer Liturgie,
wird deutlich, dass Gott selbst Ursprung des Kultes ist, denn auch Mose
wusste dem Pharao nichts zu entgegnen, wie sie Gott dienen können (Ex
10,26), bis Gott sich ihm offenbarte und den Kult vorschrieb (Ex
12,1-33). Dass die christliche Liturgie maßgeblich im jüdischen Kult
verwurzelt ist, führt Kardinal Schönborn in seinem Buch "Wovon
wir leben können" (2005) aus. Dass "die wirkliche
Liturgie" nicht "unserer eigenen Kreativität
entspringen" kann, sondern voraussetzt, dass "Gott antwortet
und zeigt, wie wir ihn verehren können" belegt Kardinal Ratzinger
in seinem bereits erwähnten Buch "Geist der Liturgie". Am
Beispiel der Geschichte vom Tanz um "das goldene Kalb" (Ex
32,1-9) weist er nach, dass "Kult nicht beliebig" ist und
Aarons Untreue subtiler ist, als die zunächst erscheinende Anbetung
fremder Götter: "Es ist Kult aus eigener Vollmacht".
Für uns ist hier die Folge interessant, die
wenige Verse weiter steht:
Gott hält sich fern, geht nicht mehr mit – so klar, so einfach die
Aussage der Bibel (Ex 33,3). Tröstlich nur, das Gott wenigstens noch
einen Engel zur Begleitung bereit hält (Ex 33,2).